Zeiss-Objektive der Milvus-Reihe

Im Vorfeld der Photokina 2016 hat Zeiss die Milvus-Reihe erweitert.

 

Die Milvus-Serie wurde um folgende 3 Linsen erweitert:

  • Zeiss Milvus 15mm f/2.8
  • Zeiss Milvus 18mm f/2.8
  • Zeiss Milvus 135mm f/2

Technische Daten zu den Zeiss-Milvus Objektiven

 

Alle Objektive gab es bisher in der nun 'Classic' genannten Objektiv-Reihe, letztere wurden aber mit der Ergänzung der Milvus-Reihe vom Markt genommen.

 

Bei Betrachtung der MTF-Diagramme, welche Zeiss freundlicherweise als Diagramm real gemessener Objektive bereitstellt - anders als verschiedene Hersteller, welche diese Diagramme rechnerisch, also rein theoretisch ermitteln - können Vermutungen aufgestellt werden, ob die Objektive neu gerechnet wurden oder auf dem bisherigen Objektivdesign beruhen und 'nur' ein neues Gehäuse erhalten haben.

 

  • Die MTF-Diagramme des Milvus 15mm lassen vermuten, dass es sich optisch im wesentlichen um das bisherige Classic-Objektiv handelt
  • Das Milvus 18mm ist lichstärker als der Pedant aus der Classic-Reihe, die MTF-Diagramme lassen eine merkbar höhere Schärfe insbesondere in der Bildmitte erwarten
  • Die MTF-Diagramme des 135mm/2.0 aus der Milvus- bzw. Classic-Reihe ähneln sich derart, dass eine Neuberechnung hier wohl nicht vorliegt. Allerdings war und ist die Classic-Variante ein Leckerbissen, womit die Notwendigkeit einer Weiterentwicklung sich nicht unbedingt aufdrängt

 

Was hat sich bei den Milvus-Objektiven nun eigentlich geändert?

  • Auf den ersten Blick ganz klar das Design, die Milvus-Reihe lehnt sich in der Form nah an die Touit-Reihe an, welche es als APS-C Objektive für Fuji und Sony schon seit einigen Jahren gibt. Die Classic-Reihe hat sich ja bisher an dem Zeiss-Design der 60er Jahre orientiert
  • weniger offensichtlich ist die Integration eines Staub- und Spritzwasserschutzes, insbesonders letzterer wird bei dem zunehmenden Einsatz elektronischer Bauteile in den letzten Jahren beim Anwender ein beruhigendes Gefühl hervorrufen
  • erst im direkten Vergleich fällt die Gewichtszunahme auf. Beim 135mm sind dies 920 vs. 1123 Gramm, also eher zu vernachlässigen, beim 18 mm fallen hier lt. Datenblatt für den Canon-Anschluß 510 vs. 720 Gramm ins Gewicht. Ähnliche Veränderungen gab es ja auch bei Einführung der bisher verfügbaren Milvus-Objektive
  • der von Zeiss vorgegebene Preis hat sich objektivabhängig leider auch deutlich nach oben bewegt

Und nicht geändert hat sich:

  • die Objektive werden manuell fokussiert
  • die notwendigen Objektivdaten werden kompatibel an die Kamera übertragen, u.A. Brennweite, aktuelle Blende usw.
  • eine Gegenlichtblende mit passendem Design wird mitgeliefert (was bei den Kosten der Linsen eigentlich auch erwartet werden kann)

Nun ein Versuch die für mich wichtigen Punkte herauszuheben:

 

ich bin ein erklärter Fan der Zeiss-Linsen, insbesondere einiger an Canon adaptierter Linsen der 80er Jahre aus der Contax-Reihe. Dort gab es sicherlich auch nicht unbedingt herausragende Objektive, aber viele fallen auch im Vergleich mit modernen Linsensysteme anderer Hersteller nicht negativ auf, ich finde sogar damals wurden teilweise Maßstäbe gesetzt, an denen andere Anbieter auch heute noch nicht vorbeikommen. Insbesondere kann ich bei Übergang zu Leica-Objektiven aus dieser Zeit keinen Leistungssprung erkennen, es gibt allerdings eine etwas andere Bild-Charakteristik - also eher Geschmackssache. Mit diesem Hintergrund nun meine Sicht auf die aktuellen Milvus-Objektive:

  1. der Preis bewegt sich leider zunehmend in Regionen, die immer weniger - egal ob Profis oder Amateure - bereit sein werden zu zahlen. Insbesondere muß ja berücksichtigt werden, dass Zeiss die Premium-Serie Otus ebenso entwickelt und die Preise dort nun gar nicht mehr so weit von der Milvus-Reihe entfernt sind. Warum schafft Zeiss hier keine deutlichere Abgrenzung zwischen absoluten Qualitätsfanatikern und 'dem einfachen Volk', wobei die Preise der Classic-Reihe sicherlich auch nicht zu verachten sind bzw. waren. Wenn die Objektive der beiden Serien in Qualität und Preis zu nah aufeinander zugehen, wird eines der Objektive mit Absatzproblemen zu kämpfen haben. Braucht man so einen Effekt bei einem Hersteller, der von Hause aus nicht für die Masse produziert?
  2. Auf der Photokina bestand auf dem Zeiss-Stand die Möglichkeit, die meisten Objektive an Kameras auszuprobieren. Ich habe mich hier auf die Cannon 5D, Mark II bzw. III beschränkt um einen haptischen Vergleich zu haben. Neben der Tatsache dass die Objektive durch die Bank einen sehr hochwertigen Eindruck machten und auch untereinander ein vergleichbares 'Feeling' vermittelten - beispielsweise auch die Präzision und Vergleichbarkeit bei der manuellen Fokussierung - ist mir definitiv noch etwas anderes aufgefallen: Die Kombination aus Kamera und Linse wirkte praktisch unabhängig von der Kombination recht schwer und zusätzlich eher kopflastig. Ob sich dieser Eindruck nach einer Eingewöhnungszeit gibt oder nicht kann ich nicht beurteilen. Allerdings scheint mir das Gewicht ein Knackpunkt für die Praxis zu sein: Wer eine hochwertige Kamera (Canon 5D) und ein praktikables Set von Objektiven (z.B. 18mm, 25mm, 35mm, 50mm, 85mm, 135mm) transportieren möchte, hat schon 7,5kg beieinander, ohne Fototasche, Blitzlicht, Akkus, Ladegerät, Graufilter und ähnlich nützlichem Zeugs. Die oben zitierte Contax-Zeiss Reihe ist hier gewichtsmäßig bei knapp der Hälfte. aus meiner Sicht ist ist dies ein Faktor der sich in nicht mehr praktikablen Dimensionen bewegt. Für Studiofotografen ohne Bedarf zum Transport der Ausrüstung ist dies sicherlich ein weniger wichtiger Aspekt, für Reisefotografie aus meiner Sicht aber sehr relevant - auch bei Beachtung des Handgepäck-Gewichtes im Flugzeug

Einen weiteren Punkt darf man gar nicht so plakativ darstellen: Einige Objektive der Zeiss-Classic-Serie scheinen auf den optischen Berechnungen der Contax-Reihe aufzubauen, auch dies kann an den MTF-Diagrammen abgelesen werden. Weiter verbessert wurde sicherlich die schon immer hervorragende Entspiegelung durch Zeiss. So wird aber die Rechtfertigung der Größen- und Gewichtssteigerung der verschiedenen Serien noch schwieriger.

 

Ach ja, die zu Beginn des Artikels angesprochenen Objektive aus der Contax-Reihe funktionieren bei mir weiterhin zuverlässig und hochwertig wie am ersten Tag, einige nun schon über 30 Jahre. Vielleicht wird die aktuelle Entwicklung nach weiteren 30 Jahren als 'Überentwickelt' bewertet, lassen wir uns überraschen.

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